Posted by on 19. Januar 2018

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Darüber, wie die Nachwuchssituation im Digital Commerce aussieht, ob Frauen in der Tech-Welt besonders gefördert werden müssen und über die Tendenz, Diversität ins Unternehmen zu bringen, haben wir uns mit den evecommerce Competence Board Members Barbara Wieser und Valérie Vuillerat unterhalten.

 [evecommerce] Wie beurteilt ihr die heutige und zukünftige Nachwuchssituation im Digital Commerce?

[Barbara Wieser] In meiner Tätigkeit als Headhunterin fällt mir auf, dass der Fokus auf perfekt passende Profile gelegt wird und verhältnismässig selten in „juniorige“ Profile investiert wird, welche sich im Job und im Unternehmen weiterentwickeln können. Dieser Eindruck hat allerdings auch damit zu tun, dass wir als Rekrutierungspartner für Fachspezialisten und Führungskräfte im E-Commerce beigezogen werden. Ich spüre jedoch, dass hie und da führende E-Commerce-Unternehmen über einen ausgeprägten Personalentwicklungsplan verfügen, um eigens rekrutierte Talente weiterhin im Unternehmen fordern und fördern zu können.

[Valérie Vuillerat] Ich bin sehr positiv gestimmt und sehe riesiges Potential. Inwieweit dieses Potential dann auch nachhaltig Wert für Unternehmen und deren Kunden stiften kann, ist aber in starkem Masse abhängig von der Bereitschaft der Arbeitgeber, auf Inklusion und Diversität zu setzen.

[eve] Valérie, du unterrichtest an der HWZ und leitest einen Studiengang, wo liegen dabei die grössten Chancen und Herausforderungen bezüglich Nachwuchs im Digital Commerce?

[VV] Millenials und umtriebige Digital Converts bringen ein neues, erfrischendes Mindset in die Wirtschaft. Sie sind selbstbewusst genug, den Status Quo herauszufordern. Wenn man sieht, wieviel blosses Innovationstheater hinter den auch in den Medien gerne ‘gefeierten’ Digitalisierungsinitiativen der Schweizer Wirtschaft steckt, ist genau dies dringend nötig. Die Lehrpläne der Business Schools und Elite Unis in den 90er Jahren waren stark geprägt von Risikoaversion – Compliance, Controlling, Total Quality Management, (long-term) Strategic Planning. Die Märkte werden aber heute gerade durch aufstrebende Unternehmen aufgemischt, die sich mit einer viel dynamischeren Werkzeugkiste ausgerüstet haben – Lean Startup, Agile, Design Thinking, Customer Journeys, Fuck-Up Nights, Growth Hacking & Business Model Canvas sind viel besser prädestiniert, die Verheissungen der digitalen Technologien in nutzstiftende und damit rasch monetarisierbare Leistungen zu überführen. Und ja, der Nachwuchs beherrscht diese Klaviatur definitiv besser als die Teppichetage.

[eve] Was hat für dich mehr Gewicht: Berufserfahrung oder Ausbildung?

[BW] Ganz klar die Berufserfahrung. In meinen rund 13 Jahren Tätigkeit als Headhunterin hat die jeweilige Ausbildung in vergleichsweise geringem Masse zur Wahl eines Kandidaten beigetragen.

Ich persönlich schätze den Fleiss und die Ausdauer von Bewerbenden, welche sich nebenberuflich weiterbilden, dadurch ihr Netzwerk vergrössern und Neugierde an den neusten Entwicklungen haben und diese auf dem Radar halten. Dies kann in Form von expliziten Studiengängen sein oder durch gezieltes vifes Selbststudium oder nicht zuletzt in einem regelmässigen Austausch unter Spezialisten.

[eve] Seit einigen Jahren setzt du dich bereits aktiv für mehr Diversität ein (Anm. d. Red.: Valérie Vuillerat ist Mitgründerin von WE SHAPE TECH und Gründerin der HIVERSITY GmbH). Müssen Frauen in der Tech-Welt besonders gefördert werden?

[VV] Unbedingt. Und zwar solange (männlich-dominierte) Rekrutierungsgremien lieber jemanden anstellen, in welchem sie sich selbst wiedererkennen. Wir replizieren uns unterbewusst homogen. Entsprechend ist es schwieriger für Frauen, einen Job zu bekommen, wenn die Hiring Manager männlich sind. Um diesen «Just-like-me-Bias» einzudämmen, müssen Vorstellungsgespräche strukturierter und objektiver werden. Erst dann wird die Person mit den besten Qualifikationen und einem guten Team-Fit ausgewählt – egal ob Mann oder Frau. Dies verschärft sich umso mehr, je höher die Seniorität ist und je weiter wir die Karriereleiter nach oben blicken.

Nun, am Ende werden aber nicht die rationalen Argumente dafür sorgen, dass Diversität in einigen Jahren zum ‘Courant normale’ wird. Einen viel stärkeren Einfluss werden weibliche Rollenmodelle, vor allem aber auch Väter haben, welche ihren Töchtern die gleichen Chancen bieten wollen wie ihren Söhnen.

[eve] Spürst du eine Tendenz, dass Unternehmen Wert darauf legen, Diversität, z.B. in Digitalteams, zu bringen, und deshalb bewusst Frauen oder junge Menschen für eine Stelle suchen?

[BW] Eine positive Tendenz ist sicherlich vorhanden. Im Digital Marketing spüre ich bei unseren Rekrutierungsvorgehen eine klare Ausgewogenheit zwischen weiblichen sowie männlichen Kandidaten. Im Bereich von E-Commerce gibt es leider – unabhängig von der Karrierestufe – bei weitem mehr männliche Kandidaten. Durch die erfolgreiche Rekrutierung von Fachspezialisten gelangen wir hie und da auch an juniorige Persönlichkeiten, sodass ich zuversichtlich bin, dass wir auch im 2018 neue Talente aufspüren werden.

[eve] Mehr Diversität im Digital Commerce: Warum setzt du dich dafür ein?

[BW] In meiner Tätigkeit ist es für mich das primäre Ziel, die am besten passende Persönlichkeit für den entsprechenden Mandanten gewinnen zu können, unabhängig des Geschlechts oder des Alters. Es ist mir jedoch ein generelles Anliegen, dass die Rahmenbedingungen so geschaffen werden können, dass junge Talente den passenden Einstieg in die Berufswelt finden, dass erwerbstätige Mütter eine Basis für bspw. Job-Sharing, Teilzeitpensum oder individuelles Zeit-Management vorfinden, dass aber auch ältere und erfahrene Persönlichkeiten (Ü65) das Gefühl von „Anerkennung“ und „Zugehörigkeit“ im Rahmen von Teilzeit-Projektarbeiten haben, wo sie weiterhin einer interessanten Beschäftigung nachgehen und so ihr Wissen auf wertvolle Art und Weise weitergeben können. In den von mir geführten Unternehmen versuchen wir gezielt mit Teilzeitpensum und mit der Förderung und Entwicklung von Studien-Abgängern ein interessanter Arbeitgeber zu sein.

[VV] Digitale Dienste & Produkte werden von allen Teilen der Gesellschaft genutzt. Mindestens 50 % davon sind Frauen. Mehr Vielfalt in den (Produkt-)Teams bedeutet bessere digitale Produkte. Die Digitalisierung wird unser Leben immer weiter durchdringen. Wenn die Teams, die diese digitale Zukunft gestalten, allzu homogen bleiben, ist das problematisch, weil es den Bedürfnissen einer heterogenen Zielgruppe nicht schon bei der Entwicklung Rechnung trägt.

Die fehlende Vielfalt in der Technologie-Branche ist ein grosses Thema. Nicht zuletzt seit Apple 2014 seine Gesundheitsapp herausbrachte, mit der die Benutzer alles tracken konnten – nur nicht den weiblichen Zyklus. Das Feature war schlicht vergessen worden. Apple brachte nach einem Jahr eine aktualisierte Version heraus.

Das System ist immer noch krank. Wenn wir in der Schweiz die Chancen der Digitalisierung wirklich ergreifen wollen, brauchen wir eine Kultur der Inklusion und Kollaboration – über Gender-, Alters- und Fachgrenzen hinweg. Hier haben die wenigsten Unternehmen einen wirklich stringenten Plan. Diesen Unternehmen möchte ich helfen.

 

Als CEO von DigitalHeads spürt Barbara Wieser digitale Experten auf, vermittelt Führungskräfte und Fachspezialisten für Unternehmen der Medien-, Online-, Mobile- und E-Commerce- Branche. Die klare Fokussierung auf diese Branche sowie ihr Netzwerk aus langjähriger Tätigkeit in der Personalberatung ermöglichen es ihr, effizient und schnell die passenden digitalen Köpfe zu finden. Ausserdem ist sie Board Member des evecommerce Competence Boards.

 

 

 

Valérie Vuillerat ist Gründerin der Hiversity GmbH, Associate Director of Studies an der SIB und unterstützt als Senior Advisor die Master21 Academy und die Stadtlandkind GmbH. Davor leitete Valérie Vuillerat unter anderem das Produkt- & Experience Team bei der Mila AG und war Managing Director bei der Ginetta GmbH. Auch engagiert sich die diplomierte Multimedia Produzentin in der Digital-Szene, als Jurymitglied beim Best of Swiss Web Award und dem Digital Commerce Award, ist Co-Founder des UX-Brunches in Zürich und Co-Gründerin von WeShapeTech. Auch sie ist Mitglied des evecommerce Competence Boards.

 

 

Herzlichen Dank, Barbara Wieser und Valérie Vuillerat, für die Antworten – Das Interview wurde schriftlich geführt.

Comments

  1. Swiss Miss
    22. Januar 2018

    Leave a Reply

    Danke für dieses Interview. Ich bin Ü40 und seit ein paar Jahren als Digital Manager tätig. Ich beobachte den Stellenmarkt und musste nun aber feststellen, dass E-Commerce Stellen oft nur als Praktikum ausgeschrieben sind. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Firmen nicht doch eher einen Digital Native nehmen, auch weil sie viel billiger sind als jemand mit 20+ Jahren vielfältiger Erfahrung. Und wir werden ja immer älter, und die Digital Natives treten jetzt zu Hauf in den Arbeitsmarkt ein und werden immer mehr. Da habe ich das Gefühl, dass der Bereich Online für mich langsam zur absoluten eine Sackgasse wird.

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